Seit Oktober 2009 arbeite und reise ich als Korrespondentin von Schweizer Radio DRS durch Südasien, um Geschichten zu sammeln. Es waren erste Monate voller Gegensätze. Ich traf Präsidenten und religiöse Gurus, machte meine ersten Erfahrungen mit Tropenkrankheiten und lernte, wo man sich vor der Luftverschmutzung in Delhi retten kann. Hier gelten andere Regeln - auch bei den Recherchen.

Namaste!

Als die Temperaturen in Delhi auf über 40 Grad Celsius stiegen, reiste ich nach Nepal – und geriet in einen einwöchigen Streik der Maoisten. Dass Friede komplizierter ist als Krieg ist in Nepal heute auf Schritt und Tritt erlebbar.


Auch Indien kämpfen die Maoisten seit mehr als 25 Jahren - mit immer grösserem Erfolg und immer mehr Gewalt. Laut Ministerpräsident Singh sind sie heute das grösste interne Sicherheitsproblem. Ihren Nachwuchs rekrutieren sie vor allem bei jenen Schichten, die bislang nicht vom indischen Wirtschaftsboom profitieren konnten: den Ureinwohnern im Osten und im Zentrum des Landes. Diese Ureinwohner sind es auch, die gefangen sind zwischen den Fronten - der Polizei und den Maoisten.

So hätte meine Reise nach Sri Lanka im Januar 2010 zu den Präsidentschaftswahlen in Sri Lanka beinahe ein abruptes Ende gefunden: Nachdem ich an einer Pressekonferenz zwei kritische Fragen gestellt hatte, wurde mir der Befehl zur Ausreise erteilt. Dann griff Präsident Rajapakse persönlich ein.


Gegensätzlich sind die Landschaften, die Lebensbedingungen und meine Interviewpartner. Auf das Interview mit dem Präsidenten von Sri Lanka folgte bald eines mit einem Naga Baba, einem indischen Gottesmann, der allem entsagt hatte – auch den eigenen Kleidern. Ihn traf ich an der Kumbh Mela in Haridwar, dem weltweit grössten religiösen Fest.

Der Kaschmir-Konflikt ist auch nach mehr als sechzig Jahren noch nicht gelöst. Im vergangenen Sommer reiste ich deshalb nach Srinagar, wo sich Jugendliche mit den indischen Sicherheitstruppen beinahe täglich Strassenschlachten lieferten. Der Ruf nach Unabhängigkeit war überall hörbar.

Kein Konflikt, sondern eine Jahrhundertflut stürzte Pakistan diesen Sommer in eine unerwartete Krise. Ungefähr 1700 Menschen kamen um's Leben, 20 Millionen Menschen waren betroffen. Sie verloren ihr Vieh, Land oder ihre Hütten. Die Jahrhundertflut legte jedoch auch ganz andere Probleme offen. Zum Beispiel, dass noch heute in der Landwirtschaft 1.7 Millionen Menschen in Schuldknechtschaft arbeiten. Sie wurden durch die Flut in noch grössere Armut und noch grössere Abhängigkeit gestürzt.

Im Nachbarland Bangladesch lebt immer noch 36 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Unzählige NGOs versuchen den Armen zum Beispiel durch Mikrokredite aus der Armut zu helfen. Dass diese NGOs Millionen von Bangladeschi eine Schulbildung, medizinische Versorgung und ein Einkommen ermöglicht haben, ist unbestritten. Dass die Regierung in diesen Bereichen nicht genügend effizient ist, auch. Aber ich frage mich:  Wie sehr haben die NGOs in Bangladesch überhaupt Interesse daran, dass  der Staat effizient ist? Denn Armut ist zwar nicht wünschenswert, aber letztlich dennoch auch ein Geschäft.





Diese und andere Geschichten finden Sie als Radioreportagen in meinem Podcast oder als Blog-Einträge auf der Website. Es sind Reportagen über Länder, die sich in rasantem Tempo ändern und öffnen. Einige profitieren davon, andere bleiben auf der Strecke oder werden ausgebeutet.


Auch das sehe ich direkt vor meiner Wohnung. Dort wurden im vergangenen Jahr vier Häuser abgerissen. Jetzt bauen Taglöhner aus entfernten Bundesstaaten für einen Tageslohn von umgerechnet drei Franken neue Wohnungen, die sie mit teurem Marmor auslegen werden. Die Wohnungen werden später zu 5000 Franken pro Monat vermietet.

Welches andere Land ist so voller Gegensätze?


Neu Delhi, Januar 2011

Karin Wenger